Alphaleser und Betaleser

Wo wären wir Autoren ohne unsere BetaleserInnen?  Die Geschichte/Welt ist im eigenen Kopf völlig logisch und klar. Da braucht es einen neutralen Leser, der auf unlogische Plot-Wendunge oder fehlende Charaktermotivation hinweist oder darauf, dass es für das beschriebene Wüstengebiet ganz schön oft gewittert.

Die liebe Jenny hat diese Woche auch einen Beitrag dazu geschrieben, den ihr hier findet. Man sieht, das Thema ist ein Dauerbrenner. ;)

Ich habe eine großartige Gruppe BetaleserInnen, die ich nicht missen möchte. Vor ein paar Monaten kam mir dann der Ausdruck Alphaleser unter. Ich habe mich erst einmal am Kopf gekratzt: Was soll das sein? Antwort: Im Unterschied zum Betaleser, der nicht schreibt, ist der Alphaleser selbst ein/e AutorIn.

Nachdem ich den Begriff Betaleser aus dem „Fandom“ habe, habe ich nie einen Unterschied zwischen schreibenden und nicht schreibenden Lesern gemacht.

Und das war ein Fehler.

Denn:

1. Feedback, das man von einem Betaleser bekommt ist anders, als das von einem Alphaleser: Als AutorIn erlebe ich einen Text einfach anders als als LeserIn. Das soll nicht heißen, dass das Feedback von einer Gruppe „besser“ ist – es ist anders und bringt mir deswegen unterschiedliche Einblicke zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

„Die Szene hab ich überblättert“ ist genauso wertvolles Feedback wie „Dein Spannungsbogen ist beim Teufel“.

2. AlphaleserInnen wissen, was eine Roh- oder Erstfassung ist, man kann ihnen den Text also zu einem früheren Zeitpunkt in die Hand drücken. Sie ignorieren holprige Sätze und noch fehlende Szenen und lesen den Text (auch) auf so technische Sachen wie Spannungsbogen, POV, Weltbau etc.

Meinen letzten Text habe ich als Erstfassung an meine Betaleser geschickt, die bereits erwähnte wilde Mischung aus AutorInnen und LeserInnen. Es war das erste Mal, das ich eine Erstfassung aus der Hand gegeben habe.

Ich neige nämlich dazu, einen Text 50 Mal zu überarbeiten bevor ich Feedback einhole, was eine ziemliche Zeitverschwendung ist: Mühevoll polierte Szenen werden nach dem Testleser-Feedback gestrichen, Charaktere hinausgeschrieben oder ausgebaut – Szenen aufzuhübschen, von denen man nicht einmal weiß, ob sie im Text bleiben ist so sinnvoll wie ein Korrektorat bei einer Erstfassung. „Müll waschen“ hat das ein englischer Autor getauft, dessen Name mir natürlich nicht einfallen will.

Also dachte ich mir: Bevor ich wieder Müll wasche*, hol ich mir das Feedback gleich. (Ich bin lernfähig. Go me!)

Fazit: Das Feedback war gemischt, trotz Fragebogen hatten sich die LeserInnen an Sachen festgebissen, die ich alle unter „Typisch Erstfassung“ ablegen konnte. Die LeserInnen – gewöhnt an die polierteren Versionen – hatten sich viel Mühe gemacht, zum Teil leider umsonst, da mir die Kritikpunkte nicht weitergeholfen haben.

Unstern ist endlich überarbeitet und hat seine Reise zu den Testlesern bereits angetreten, aber dieses Mal bin ich es anders angegangen:

Ich habe die AlphaleserInnen aus meinem Testleserpool geklaubt und mir zwei neue dazu gesucht. Ich bin schon sehr gespannt auf ihre Kritik!

Bleibt vielleicht noch die Frage, wie viele Alpha- bzw. BetaleserInnen sinnvoll sind. Das ist vermutlich für jeden anders, aber ich denke, 2-3 AlphaleserInnen und so 5 BetaleserInnen sind mehr als ausreichend. TestleserInnen, also Leute die das fertige Buch vor der Veröffentlichung lesen, sind eine andere Geschichte, davon kann man nicht genug haben.

WICHTIG

  1. Deadline nicht vergessen: Sagt, bis wann ihr das Feedback braucht! Das heißt natürlich auch, früh genug anfragen und ein „Sorry, da hab ich keine Zeit“ akzeptieren und nicht übel nehmen. (Und die, die nie Zeit haben,von der Liste streichen.)
  2. Fragebogen: Damit ihr Feedback zu den Sachen bekommt, die euch wichtig sind. Meine Fragebögen könnt ihr euch bei Interesse hier hinunterladen:

Bsp Fragebogen Alphas

Bsp Fragebogen Betas

 

Wie handhabt ihr das mit Alpha- und BetaleserInnen? Macht ihr einen Unterschied?

 


16 Gedanken zu “Alphaleser und Betaleser

  1. Ich habe nie zwischen Alphas und Betas unterschieden, weil… ähm, alle meine Testleser für das Gesamtmanuskript selbst schreiben.
    Sie rekrutieren sich aus Autorenfreunden und ich wüsste um ehrlich zu sein gar nicht, wo ich nichtschreibende Testleser herkriegen sollte.
    Hast du da Tipps?

    1. Ich hab gute Erfahrungen damit gemacht, Freunde und Bekannte zu bieten ihre bücherbegeisterten Freunde zu fragen.
      So kommt man an Leseratten, die genug Distanz haben, um eine ehrliche Meinung abzugeben.
      Leserunden auf diversen Plattformen wären noch eine Möglichkeit (lovelybooks), aber das hab ich selber noch nicht ausprobiert.

      1. Leserunden mit unfertigen Büchern, die man später einem Agenten anbieten will? :O Darf ich das? :O
        Okay, ich bin… jetzt traurig. Echt traurig. Weil ich gar keine Freunde und Bekannten habe (außer welche, die selbst schreiben)… und die wiederum haben auch keine großen Freundeskreise…
        Args.
        Jetzt bin ich wieder traurig :/
        (Okay, vielleicht weniger wegen deiner Antwort, ich bin heute generell nah am Wasser gebaut *seufz*. Du kannst ja nichts dafür, dass ich keine Freunde habe…)

      2. *hugs* Oje, du klingst ja ganz niedergeschlagen. Freunde hast du ja, nur schreiben die halt alle. *drück*
        Gibt es den Buchblogger die du magst? Vielleicht hat ja da eine/r Lust. Ihr könnt ja mal langsam testen, wie’s mit euch funktioniert.
        Und: Aufruf auf Twitter ect. Da hat sicher jemand Lust! Mit mir hättest halt noch eine Alpha, aber ich stell mit natürlich gerne zur Verfügung :)
        Und jetzt mach dir einen Tee und gönn dir was Feines ♥

      3. Danke <3.
        So ein blödes Tief und schon sehe ich nur das Negative… :/
        Ja, ich habe doch Freunde. Sind halt Autoren <3.
        Und ja, es gäbe Buchblogger, die ich fragen könnte. Eine macht das sogar regelmäßig… Args, wieso habe ich nicht daran gedacht?
        Danke, danke, danke <3.
        Und ja, jetzt gibts erstmal was für die gute Laune. (Genauer gesagt: Gummibärchen)

  2. Schöner Artikel, der den Unterschied – der mir bis vor kurzem auch nicht geläufig war – gut aufzeigt. Ich habe bisher alles als Betaleser tituliert, daher beim Namen keinen Unterschied gemacht und auf meine Grammatik hatte ich auch nie jemanden gezielt gehetzt. Sie durften anmerken, was sie wollten ;)

    Aktuell habe ich nichts derart Geartetes bei der Hand, da die meisten sowieso von meiner Schreiberei genervt sind – bin mir noch nicht sicher, wie ich das zukünftig nun handhaben will, aber mit deinem Artikel lässt sich schon einmal ein Anfang finden. Vielleicht … wenn ich mal wieder Lust habe xD

    1. Lust etwas aus der Hand zu geben oder zu schreiben?
      Wenn dein aktueller Kreis „genervt“ ist, vielleicht findest du übers Internet (lovelybooks, Foren) ja neue Testleser?

  3. Interessante Unterscheidung von Alpha- und Betalesern, die du da machst, das war mir neu.

    Bei mir sind Betaleser bunt gemischt, Autoren und Nicht-Autoren, die auch alle die gleichen Fragen bekommen, nur die Antworten fallen anders aus. Autoren neigen dazu, „technischere“ Antworten zu geben und können eher die Gründe nennen, warum ihnen etwas nicht gefiel, während Nicht-Autoren es eher gefühlsmäßig angehen und nicht immer sagen können, was ihnen nicht passt, nur DASS ihnen etwas nicht passt. Ist beides gleichermaßen wertvoll.
    Ein paar Betaleser bekommen Sonderaufgaben, je nach ihrem Background, und checken für mich die medizinischen Fakten, das Pferde-Zeugs, die Bauten, die Technik etc.

    Der Alpha-Leser ist der arme Drops, der als erstes die rohe Rohfassung bekommt, inkl. aller grausamen Ausdrücke, und hauptsächlich dafür zuständig ist, den Plot auf Logik abzuklopfen und mir zu sagen, wann ich zu sehr schwafle. Damit die Betaleser dann eine gestrafftere Fassung bekommen und nicht jede Grausamkeit lesen müssen.

      1. Sag ich dir, sobald ich die Beta-Testphase hinter mir habe und meine Methode in Betrieb genommen wird :-)

        Faktenchecker ist für mich überlebenswichtig, sonst verbringe ich Monate mit Recherche und vergesse das Schreiben. Außerdem tendiere ich dazu, mir die schönsten Szenarien auszudenken, die wegen einer lächerlichen Kleinigekeit nicht funktionieren. Verdammte Logik.
        Da fällt mir immer Castle ein: „Don’t ruin my story with your logic.“

      2. Ich mache es wie Jery. Alphaleser kriegen das Manuskript, wenn ich halbwegs alle Plotpunkte festgeklopft habe, es ist also schon eine fortlaufende Geschichte, aber es sind vielleicht noch Längen drin und größere Fehler. Betaleser kommen dran, wenn ich mit meinen eigenen Überarbeitungen fertig bin, also wenn ich nichts mehr finde (oder wenn ich mich so festgefahren hab, dass ich die Lösung nicht mehr sehe, zusammen mit dem Aufruf „was denkt ihr“). Das ist dann also schon die Version vor dem Feinschliff, wo ich alles auf Sprachliche Feinheiten noch mal durchgehe. Testleser, also Nichtselbstschreiber bekommen mein Buch erst danach, quasi die Version, die ich auch an einen Verlag schicken würde. Das klappt für mich sehr gut, und ich hab selten große Teile noch mal ändern müssen.

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