Sprache und Fantasy

In diesem Beitrag geht es nicht um das Entwickeln eigener Sprachen, sondern um das Verwenden der eigenen Sprache und deren Fallstricke. Allen, die jetzt enttäuscht sind, möchte ich hiermit Evanescas großartige Reihe über Conlang ans Herz legen.

Sprache ist immer auch ein Abbild der Gesellschaft, voller historischer und (pop)kultureller Verweise. Im österreichischen Deutsch etwa finden sich sprachliche Spuren der vielsprachigen Monarchie (Jause, Kutsche, Beuschl) genauso wie des Jiddischen (jemanden abzocken, Bammel haben, betucht sein) und des Christentums – vor allem beim Fluchen (jemanden zum Teufel schicken, Verdammt!, Kruzifix noch einmal!).

Fantasy SpracheWie geht man mit solchen Spuren der eigenen Sprache jetzt beim Schreiben eines Fantasyroman um? (Ich bin mir sicher SciFi hat ähnliche Probleme, Urban Fantasy hat es vielleicht leichter?)

Dürfen meine Charaktere eine Jause* einpacken und sich über die Exekutive aufregen? Oder ist das „zu wenig Fantasy“, wirft es einen aus der Welt und der Geschichte? Und wenn ja, wieso? Muss ich ein anderes Wort für Jause erfinden, damit es „mehr Fantasy“ ist?

Über kulturelle Sachen lässt sich dann schon einfacher entscheiden.

Wenn es in der Kultur, in der die Geschichte spielt, keinen Teufel gibt, wirkt es etwas eigenartig, wenn Charaktere mit „Was zum Teufel hat das zu bedeuten?“ ein Gespräch eröffnen.

Um Religionen lassen sich noch am einfachsten eigene Begriffe finden, und Charaktere sagen dann eben „Was bei Glums goldenem Kinnhaar hat das zu bedeuten?“ oder so ähnlich. Die Leser verstehen, worum es geht.

Redewendungen werden schon wieder schwieriger. Und was man als AutorIn mit Lehnwörtern?

Vor ein paar Tagen tippte ich einen Satz, der ungefähr so ging: „Du bist ja auch sein Protege!“ Ich suchte nach dem Akzent auf meiner Tastatur und hielt dann inne. Akzent? Dann hab ich erst mal eine halbe Stunde auf einem Bleistift gekaut und nachgedacht. Passt das Wort Protege in diese Welt? Wenn nein, was ist dann mit Labyrinth oder Debakel, die ich beide einen Absatz weiter oben verwendet hatte?

In einer Forumsdiskussion, die ich vor Jahren verfolgt habe und natürlich nicht mehr finde, hat ein Forumsmitglied Fantasy Sprachegeschrieben, dass Fantasy ja als Übersetzung gesehen werden kann. Die Figuren der Fantasywelt sprechen und handeln in einer Sprache, die vom Autor dann sozusagen übersetzt niedergeschrieben wird. Insofern dürfe man zu Reis auch Reis sagen und brauche dafür kein neues Wort.

Ich fand den Gedanken spannend, aber manche Ausdrücke würden mich als Leserin persönlich aus der Welt reißen. Welche das sind, ist aber wohl sehr subjektiv. Ich stolper zum Beispiel über Debakel, aber nicht über Fiasko.

Dass in einer Welt ohne Christentum niemand zu Kreuze kriecht, fällt einem als AutorIn spätestens beim ersten Überarbeiten auf. Dann sind da aber noch die subtileren Sachen: „Gib mir eine Sekunde!“ „Das war letztes Jahr.“ Aha, in der Welt gibt es also Jahre. Und Sekunden auch. Wie werden die gemessen? Wieviel Monate hat ein Jahr? Gibt es denn Monate? Und schon ist man mit Worldbuilding-Fragen konfrontiert, die man sich so vielleicht noch nicht überlegt hat.

Als Autorin gehe ich das Ganze sehr gemischt an. Wenn es in meiner Welt Ziegen gibt, nenn ich sie auch so und suche nicht verzweifelt nach einem anderen Wort. Ich habe mich gegen Protege entschieden, aber für Labyrinth. Sekunden gibt es in meiner Welt ebensowenig wie Minuten, Herzschläge/Momente/Augenblicke sind zum Glück unverfänglicher. Ich versuche, Redewendungen und Flüche zu finden, die in die Welt passen, in dem ich mir überlege, was wichtig ist.

Welche Götter/Wesen werden verehrt oder gefürchtet?

Welche Staatsform/historische Figuren/Gesellschaftssysteme haben sie?

Wie schaut es mit (giftigen) Pflanzen oder Tieren aus?

Und das natürlich möglichst auf eine Art, dass der/die LeserIn nicht mittendrin das Buch senkt und sich denkt: WTF? Wovon reden die? Wer ist Glum und was ist mit seinen Kinnhaaren los?

Wie siehst du das als LeserIn und/oder AutorIn? Wonach streichst du Worte aus deinen Texten? Was reißt dich beim Lesen aus der Buchwelt?

*Jause = Brotzeit und ein „Snack“ zum Mitnehmen.


9 Gedanken zu “Sprache und Fantasy

  1. Ich bin auch jemand, der mit einzelnen Begriffen in Fantasy-Romanen hadert. Vor Allem der ‚Teufel‘ rutscht ja gerne mal durch des Lektors Hände (er liegt eben im Detail). :)

    Das mit den Zeitangaben reißt mich weit weniger heraus. Wo einfach von Jahren gesprochen wird, da akzeptiere ich das. Muss ja nicht alles komplett anders sein als bei uns, denke ich mir da oft. Die Kinnhaare des Glum würden mich allerdings fest irritieren – ich hasse es nämlich, wenn Autoren einfach einen ‚Tauschbegriff‘ für etwas benutzen, dass es bei uns gibt. Nicht, weil es nicht per se verständlich wäre – sondern viel mehr, weil es eben alle so handhaben. (Aktuell zB bei T & S Orgel ‚die Gruben‘ statt ‚der Hölle‘).

    Aber ich bin eben pingelig. :D

    Danke für den Beitrag!

    1. Ja, das Austauschen bei religiösen Sachen ist am leichtesten, deswegen machen’s auch alle ;) Mich stört das nicht, wenn eine nachvollziehbare Religion dahintersteht. Ärgern tuts mich, wenn es einfach ein umgetauftes (Ha! Wieder so ein Ausdruck!) Christentum ist.

  2. Jep. Mich können Begriffe auch ganz schnell gerade bei Fantasy einfach rausreißen und die Stimmung zerstören. Ich bin da leider mit den Jahren sehr, sehr empfindlich geworden, auch wenn mich das gerade bei älterer Fantasy nervt. Ich kann die einfach nicht genießen, dabei ist die Story total toll, wenn mich so blöde nicht umgewandelte Begriffe rausreißen (Zeitangaben, christlich hergeleitete Ausdrücke und ja, manche Lehnwörter).
    Beim Schreiben passe ich HÖLLISCH auf, dass ich nichts verwende, das ich nicht irgendwie erklären kann. Manchmal rutscht mir natürlich dennoch was durch. Das ist normal.
    Aber dafür gibt es ja die Überarbeitung :).
    Und danke nochmals fürs Verlinken meiner Artikelserie <3

  3. Ich bin beim Lesen etwas empfindlich, wenn Begriffe auftauchen, die in der betreffenden Fantasywelt eigentlich nicht vorkommen dürften. Wie „auf dem falschen Dampfer“ sein, wenn die Dampfkraft unbekannt ist, oder „Adrenalinrausch“, wenn kein Mensch Adrenalin und seine Wirkung entdeckt hat.
    Dafür habe ich kein Problem mit Schimpfwörtern aller Art und stehe auch einem „okay“ gelassen gegenüber. Kommt immer drauf an, wie es ins Buch eingebunden ist.

    Voriges Jahr hab ich zu dem Thema einen Artikel verfasst. Ich erlaube mir hier mal, einen Link zu setzen:
    https://marmorundton.wordpress.com/2014/08/22/sprache-in-fantasy-romanen/
    Am Ende sind Links zu 2 Artikeln von Django Wexler auf Fantasy Faction zu diesem Thema.

  4. ich glaube bei der Wortwahl gibt es zwei verschiedene Dinge zu beachten. 1. sie müssen verstanden werden; Man weiß, dass viele Wörter aus dem österr. deutsch in D einfach nicht verstanden werden .. vieles wurde von dir aufgezählt 2. man muss sich heute auch der political correctness bedienen. das wort schwarz nur im richtigen kontext verwenden etwa.. IN Osterreich gab es mal in den 70 er jahren einen schwarzen Austria Wien Fussballer, alle mitspieler hatten im Spass Kleiner Brauner (wg seiner Größe) gesagt und alle haben gelacht und es wurde von niemanden als böse empfunden lg Dani :-)

    1. Political Correctness ist sicher ein wichtiges Thema. Wobei manche (die meisten?)Begriffe aus einer Fantasywelt herausfallen würden, weil in dieser Welt die historischen Entwicklungen etc. ja ganz andere sind. Die Verwendung – wenn sie uns nicht etwas über den Charakter oder die Welt verrät – verrät etwas über den/die AutorIn. Umso spannender find ich hier den Umgang mit Fantasywesen: wie werden die Bösen beschrieben, wie die Guten?
      Österreichisches vs. Bundesdeutsch – darüber könnt ich Seiten schreiben. Letztendlich muss man sich als AutorIn überlegen, für welchen Markt man schreibt. Ich traue den Deutschen aber durchaus zu, bei einem Wort wie „Stiege“ im Text nicht die Nerven wegzuwerfen. Ich glaube, da werden deutsche Leser einfach gerne unterschätzt.

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