Vom Schreiben und Neu-Schreiben

Wer schreibt, der überarbeitet. Oft stehen mehrere Überarbeitungsrunden an, bevor aus der Rohfassung ein Text wird, den man mit gutem Gewissen in die Welt entlassen kann.

Ich liebe ja die Rohfassung, den „shitty first draft„. Dort entdecke ich die Geschichte, spiel herum und tobe mich auf allen Ebenen aus, wohlwissend, das einige der geschriebenen Szenen nie jemand zu Gesicht bekommen wird.

Gerade dieses Wissen gibt einem eine unheimliche Freiheit: Die Freiheit, auszuprobieren und zu entdecken. Man kann eine grottenschlechte Szene mit ruhigem Gewissen in die Tastatur klopfen – es ist ja nur die Rohfassung und sobald die dämliche Szene einmal in den PC geprügelt wurde, kann man sie auch verbessern.

Credit Drew Coffman CC
Credit Drew Coffman CC

Überhaupt hilft mir das Mantra „Es ist ja nur die Rohfassung“ dabei, an schlechten Tagen den Computer nicht aus dem Fenster zu werfen.

Auf die Rohfassung folgt bei mir die erste Überarbeitung und diese Erstfassung geht an die erste Runde Beta-Leser. Dann die nächste Überarbeitung, die  – je nach Textproblemen – auch länger dauern kann. Dann kommt die Lektorin und die Überarbeitung geht in die nächste Runde/n.

Und irgendwo dazwischen findet man dann auch die Lösung für Probleme, der Charakter C hört endlich auf den Namen zu wechseln und die dämliche Szene entpuppt sich als Geniestreich.

Wer schreibt, der überarbeitet und das Überarbeiten, das Polieren und Feilen am Text, macht wieder ganz anders Spaß und Freude wie das Schreiben an der Rohfassung. Und es weckt auch ganz andere Aggressionslevel, denn irgendwann ist mit dem „das wird so eh niemand lesen“ Schluss. Es gibt Szenen, die in mir den Drang auslösen, erst einmal meine Wohnung grundzureinigen und die Wäsche vom Nachbarn zu bügeln, bevor ich mich das Dokument auch nur öffne.

Ich habe allerdings das Glück, dass die Kommentare meiner Beta-LeserInnen und meiner Lektorin sehr unterhaltsam sind.

zitat1

Zitat2

Bei meinen eigenen Kommentaren steht oft Rätselraten an – was genau hab ich mit Mehr Info! und Genauer! noch gleich gemeint? (Da muss ich mich echt bessern, aber das schwör ich mir seit mind. 5 Jahren…)

Und etwas, dass ich mir wirklich noch bewusster machen muss:

Irgendwann muss man loslassen. Nicht noch einmal durch den Text gehen, aufhören an der Szene herumzupolieren oder am Dialog herumzufeilen. Ich lerne beim Überarbeiten meiner Texte viel, aber man kann einen Text auch zu Tode bearbeiten. Irgendwann ist’s gut. Dann wird es Zeit für die nächste Rohfassung.

Wie geht es euch mit der Rohfassung und dem Überarbeiten und Neuschreiben? Liebe? Hass? Hass-Liebe?


10 Gedanken zu “Vom Schreiben und Neu-Schreiben

  1. Oh, ich habe so oft dieses „Okay, ich weiß genau, dass das, was ich geschrieben habe, jetzt der größte Schrott ist – aber ich weiß ja, wie ich es meine, beim Überarbeiten kriege ich das schon hin“.
    Keine Ahnung, wann ich das gelernt habe, irgendwann zwischen 2010 und 2012, vermutlich. In meinem ersten Schreibforum, als mir klar wurde, dass eine erste Fassung nicht perfekt ist und Romane NIE so veröffentlicht werden, wie sie geschrieben wurden. Davor war ich in der Hinsicht sehr blond und uninformiert xD.
    Und seitdem predige ich das regelrecht. Hauptsache runterschreiben. Überarbeiten kann man später immer noch. Alles gut xD.

    Was mich sehr interessieren würde: Ich überarbeite meine Werke so drei-fünf Mal, dann schicke ich sie an einen Verlag oder zu einer Ausschreibung. Weil ich weiß, dass mein Text nicht perfekt sein muss, nur gut genug, bin ich immer recht entspannt. Es gibt ja Profis, die polieren ihn mit mir gemeinsam dann.
    Du bist Selfpublisher. Da gibt es kein „Ich muss es bewerbungsreif machen und dann in gute Hände abgeben“, weil du die Verlegerin bist. Führt das zu mehr Überarbeitungsdurchläufen? *neugier*

    1. Das ist eine interessante Frage. Ich würd instinktiv sagen: Ja.
      Das liegt aber vermutlich daran, dass der Verlag irgendwann sagt: „Okay, das ist fertig, kann raus.“
      Als Indie hat man das so ja nicht, da kann man ja bis in die Unendlichkeit bearbeiten. Und zumindest bei mir ist noch eine gewisse Unsicherheit da, ab wann ein Text jetzt wirklich fertig ist. Da hol ich mir dann doch gerne noch mal Feedback von anderen Beta-Lesern etc.
      Ich lese aber immer wieder in Interviews von Autoren (Indie und Verlag), dass sie einen Text höchstens zwei, drei Mal überarbeiten.
      Das hat wohl viel mit dem Tempo zu tun, in dem verlegt wird/werden muss, aber sicher auch mit Erfahrung. Ich merke z.B., dass meine Rohfassungen immer sauberer werden.

      Ja, ganz am Anfang war ich irgendwie auch noch der Meinung, dass man einen Roman fertig aufs Papier schreibt – da gings mir offenbar wie dir ;) Und jetzt feier ich die Rohfassung mit all ihrem Chaos.

      1. Kommt auf die Arbeit mit Verlagen an. Ich bin noch auf der Stufe, dass ich ein Manuskript bereits fertig geschrieben haben muss und es auch mehrfach überarbeitet und poliert haben muss, bis ich es anbiete.
        Erfahrenere Verlagsautoren sind dagegen auf einer Stufe (z.B. Jonathan Stroud), dass sie den Verlag nur anpitchen müssen oder ein Exposé hinschicken, der Verlag dann sagt „Okay, kannst du schreiben, verlegen wir gerne“ und dann beginnt erst das Schreiben.
        Ich glaube, solche Autoren überarbeiten dann auch seltener, weil sie schon den Rohentwurf bereits in Zusammenarbeit mit dem Verlag entwickeln. Sind dann aber keine freien Autoren mehr.
        Stimmt, niemand sagt dir Stop. Und die Wenigsten sind JE zufrieden mit dem eigenen Text :O
        Ich tippe auch auf Erfahrung. Bei den Sachen, die ich mit 24 schreibe, bin ich mir jetzt schon sicher, dass ich sie seltener überarbeiten muss, weil ich mich nicht mehr so blöd anstelle beim Schreiben wie früher ;-).
        Meinen Erstling fing ich 2008 an und vollendete ich Mitte 2009. Da war ich fast noch ein Teenager. Du kannst dir die diletantische Schreibe denken und ich musste sehr viel überarbeiten.
        Meinen aktuellen Roman fing ich zwar auch etwa in der Drehe an, aber damals entstanden nur die ersten paar Kapitel, die meisten anderen entstanden 2015. Ich weiß jetzt schon, woran ich mehr herumändern werde :).
        Von daher: In erster Linie die Erfahrung :).
        Ich feiere die chaotische Rohfassung auch <3. Das entkrampft so sehr, nicht sofort die perfekten Worte zu finden! Oder auch mal zu sagen "Ach, keine Ahnung. Ist jetzt halt ein unsauberer Übergang, ich mach das später."

      2. Ich hab meinen esrten Roman mit 19 fertig geschrieben – ich weiß, was du meinst >.< Und dann hab ich jahrelang einfach nur eine Rohfassung nach der anderen produziert, beim Überabeiten das Interesse verloren und den nächsten Roman angefangen. Erst 2013 hab ich dann auf den Tisch gehaut, sozusagen, und bin das ganze ernsthaft angegangen.
        Jetzt muss ich mit dem Überarbeiten nur irgendwann aufhören ;)
        Ja, ich kann das von einer Freundin von mir, die bietet ihtem Verlag auch erst einmal nur Exposes an, bevor sie überhaupt eine Zeile tippt. Alles andere wäre eben unwirtschaftlich.
        Bei den großen Namen reicht natürlich der Name und es wird verlegt.

      3. Von einem Extrem ins Andere sozusagen :D
        Wenn ich ehrlich bin, währe diese Art des Schreibens/Veröffentlichens für mich nichts, weil ich vor dem Fertigschreiben gar nicht weiß, was im Exposé am Ende stehen soll :O

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